Subscribe to RSS Feed

Posts Tagged ‘ Erich Mühsam ’

Wir müssen an dieser Stelle wahrscheinlich nicht noch einmal unsere Wertschätzung für Erich Mühsam zum Ausdruck bringen. Wer ein bisschen mehr in dem Leben dieses bewunderswerten Autors und Satirikers „stöbern“ möchte, hat nun dazu die Gelegenheit, denn der Verbrecher Verlag hat die Tagebücher von Erich Mühsam hier online gestellt.

Angereichert ist das Ganze mit nützlichen Links und Querverweisen. Daher heute mal wieder ein Tipp, bei dem wir ausnahmsweise nicht Rumblödeln wollen. 😉 So, wir haben ein Kabarett-reiches Wochenende in den Wühlmäusen vor uns und lassen euch natürlich nächste Woche wissen wie es war. Bis dahin viel Spaß beim Lesen!

Continue Reading »
No Comments

Das Volk der Denker
(September 1924)

Du armes Volk! Von aller Welt betrogen,
Besiegt im Kampf, im Sehnen selbst besiegt,
Sinnst du, das Hirn mit Wissen vollgesogen,
Der Frage nach, woran dein Unglück liegt.
Und schon gelingt dir trefflich zu erklären,
Warum bei so beschaffner Produktion
Des Einen Teil der Schweiß ist und die Schwären,
Des Andern Teil Theater, Sport und Spon.
Materialistisch weißt du zu begründen
Der Wirtschaftsform Naturnotwendigkeit
Und widerlegst den Wahn von Schuld und Sünden
Als Narrenglauben der Vergangenheit.
Wie scheint der Mahner dir naiv und komisch,
Der an die Seele pocht: Wach auf! Hab Kraft!
Du rechnest, wann historisch-ökonomisch
Die Stunde reift auf Grund der Wissenschaft.
Du lachst des Spruchs, Tat wachse nur aus Wollen,
Der manchmal noch in wirren Köpfen spukt.
Du siehst am Faden die Entwicklung rollen,
Erkennst dich selbst als deiner Zeit Produkt.
Du lerntest längst nach Phasen zu begreifen
Den Aufstieg der Geschichte und Kultur
Und lehnst es ab, in Träumerei zu schweifen:
Kleinbürger-Utopien hemmen nur.
Du kennst die Welt, durchdenkst sie dialektisch;
Empirisch ist dein Tun, dein Sinn real!
Sind deine Kinder skrofulös und hektisch –
Du weißt Bescheid, so wirkt das Kapital.
Und stehn sie hungrig vor des Reichen Türen,
Der dich – Rebell! – vertrieb aus der Fabrik,
Du senkst den Kopf in Bücher und Broschüren
Zum Studium der sozialen Republik.
Und liest: die Erde gäbe allen reichlich,
Gehörte sie nur allen; – und du liest:
Der schnöden Gegenwart folgt unausweichlich
Die Zukunft, die ein freies Volk genießt.
Die Zukunft kommt! Von selbst und ungerufen!
In stolzem Trost schwelgt deine Phantasie.
Nur eine Serie von Entwicklungsstufen
Steht noch davor. – So lehrts die Theorie.
Du liest und lernst, den Rücken krumm gebogen,
Durchwühlst du Heft um Heft und Band um Band.
O armes Volk! Von aller Welt betrogen,
Betrügst du selbst dich um dein Sehnsuchtsland.

Continue Reading »
No Comments

Erich Mühsam: Idyll

19. Juli 2010 by

Idyll

Ein alter, kalter Leichnam hängt
An einem Telegrafenmast.
Nach seinen Schlenkerbeinen fasst
– ob er sie fängt? –
ein ausgespreizter Eichenast.
Lautkeuchend um den Leichnam pfeift
Und um den Ast ein Windsgebrüll. –
Da bammeln beide wütend wild;
Ich seh’ im Schatten nur das Bild,
wie oft der Ast die Beine streift –
und zufasst – und daneben greift …
Oh, welch fröhliches Idyll!

Continue Reading »
No Comments

O Mitmensch, willst du sicher sein

O Mitmensch, willst du sicher sein
in deinem Treiben und Getue,
so schau in Nachbars Kämmerlein,
in Nachbars Bett, in Nachbars Truhe.
Und wie er’s hält und wie er’s macht,
richt deinen Wandel ein desgleichen,
auf daß der Nachbar in der Nacht
getrost darf in dein Zimmer schleichen.
So wirst du in der Sympathie
der Zeitgenossen wohl bestehen,
und niemand braucht als Schweinevieh
und Lumpen scheel dich anzusehen.
Nur das Besondere mißfällt,
das Eigne und Originale.
Ein kluger Mitmensch aber hält
sich allezeit an das Normale.

Continue Reading »
1 Comment

Der Anarchisterich.

War einst ein Anarchisterich,
der hatt’ den Attentatterich.
Er schmiss mit Bomben um sich rum;
es knallte nur so: bum bum bum.
Einst kam der Anarchisterich
an einen Schlosshof fürstelich,
und unter’m Rock verborgen fein
trug er ein Bombombombelein.

Nach haus kam Serenissimus,
sprach: Omnia nos wissimus,
und sprach viel weise Worte noch,
dass alles rings nach Weisheit roch.
Jedoch der Anarchisterich
mit seiner Bombe seitwärts schlich
und schmiss sie Serenissimo
unter den Rokkokopopo.

Und rings war alles bass entsetzt,
Durchlaucht hat sich vor Schreck gesetzt,
indes der Anarchisterich
durch eine Seitenthür entwich.
Nur einer sprang beherzt herbei,
zu helfen, was zu helfen sei.
Doch sprach er bleich: Volk höre nur,
’s ist ’ne Bomb – onniére nur.

Rings aber lag man auf dem Knie
und heulte, jammerte und schrie
und betete: Du lieber Gott,
schlag’ doch die Anarchisten tot!
Drum merk dir, Anarchisterich,
heil’ dich vom Attentatterich.
Kommst du zum Hofe fürstelich,
geht’s fürder dir für-fürchterlich.

Erich Mühsam, 1906

Continue Reading »
No Comments

Auf unserem kleinen, feinen Blog wollen wir euch nicht nur in die Welt der Satire und des politischen Kabaretts von heute mitnehmen, sondern auch einen Blick zurückwerfen. Dabei wird man feststellen, dass sich in vielen Dingen nur wenig geändert hat und die meisten Themen damals wie heute (traurigerweise) genauso aktuell sind.

Den Anfang macht Erich Mühsam (einer meiner Lieblingsdichter) mit seinem zeitlosen Gedicht „Der Revoluzzer“. Und unbedingt das werte Augenmerk auf die Widmung legen! Wohl gemerkt, das Gedicht ist von 1907! 😉

Erich Mühsam: Der Revoluzzer
Der deutschen Sozialdemokratie gewidmet

War einmal ein Revoluzzer,
Im Zivilstand Lampenputzer;
Ging im Revoluzzerschritt
Mit den Revoluzzern mit.

Und er schrie: ‘Ich revolüzze!’
Und die Revoluzzermütze
Schob er auf das linke Ohr,
Kam sich höchst gefährlich vor.

Doch die Revoluzzer schritten
Mitten in der Straßen Mitten,
Wo er sonst unverdrutzt
Alle Gaslaternen putzt.

Sie vom Boden zu entfernen,
Rupft man die Gaslaternen
Aus dem Straßenpflaster aus,
Zwecks des Barrikadenbaus.

Aber unser Revoluzzer Schrie:
‘Ich bin der Lampenputzer
Diesen guten Leuchtelichts.
Bitte, bitte, tut ihm nichts!

Wenn wir ihn’ das Licht ausdrehen,
Kann kein Bürger nichts mehr sehen,
Laßt die Lampen stehen, ich bitt!
Denn sonst spiel ich nicht mehr mit!’

Doch die Revoluzzer lachten,
Und die Gaslaternen krachten,
Und der Lampenputzer schlich
Fort und weinte bitterlich.

Dann ist er zu Haus geblieben
Und hat dort ein Buch geschrieben:
Nämlich wie man revoluzzt
Und dabei noch Lampen putzt.

Continue Reading »
No Comments

Blogosphäre

Blog Top Liste - by TopBlogs.de Bloggeramt.de Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de
/* */