Die Ortskrankenkasse

Ich komme in eine fremde Stadt
– Kasolz oder Ober-Crammin –
und nehme im Hotel ein Bad,
dann tu ich den Mantel anziehn
und gehe durch den fremden Ort
an Läden und Kirchen vorbei
und gucke hier und da und dort
und seh eine Metzgerei,
das Postamt … eine Bilderschau …
und immer, in jeder Stadt,
steht ein großer, prächtiger, neuer Bau,
den man grade errichtet hat.
Und dann frag ich. Und in jeder Stadt,
die einen turnenden Schutzmann hat,
sagt er auf, wie das brave Kind in der Klasse:
»Das? ist die neue Ortskrankenkasse.«

So ein großes Haus … ! Sieh mal einer an … !
Ein riesiger Kasten. Ja, wer so kann!
Das tut jede Verwaltung, die auf sich hält;
die Herren haben wohl sehr viel Geld.
Wenn zwei Deutsche im Hof nämlich Holz zerspalten,
stehn drei andere herum, die das verwalten.
Und ich seh an dem feuchten Neubau hinauf,
und dies steigt vor meinem Auge auf:
Korridore mit vielen Türen,
die alle in kleine Bürozimmer führen.
In den Zimmern ist nichts Besondres los …
Und es gibt zweierlei Sorten von Büros:
Solche, in denen die Buchhaltungsfritzen,
die gewöhnlichen Schreiber sitzen;
die bebrüten Akten und führen Listen.
Das sind die gemeinen Papier-Infanteristen.
Kino, Kollegenklatsch, etwas Sport …
wie schnell das Klassenbewußtsein verdorrt!
Für eine Handlungsvollmacht, für einen Posten
tun sie alles, wobei sie die Chefs nichts kosten.
Und es haben die Mädels in den Buchhalterein einen Wunsch:
Hier raus und geheiratet sein!
Und alle schreiben und schreiben und schreiben
und müssen ewig hinter den Pulten bleiben.
Die schuften ihr ganzes Dasein vergebens.

Doch in den andern Büros
hockt dick und groß
das Ideal des Wirtschaftslebens: Click to read more …

Post to Twitter Tweet This Post

Tags:

Posted by Nina - 01/03/10 - 0 comments

 

Irgendwie hat sich auch hier seit Ringelnatz’ Zeiten nicht viel verändert…

Chanson vom großen Publikum

Wer die Masse kennt, wird auf linksherum
Oder rechtsherum erfolgreich sein,
Wenn er Schwindel macht. Denn das Publikum
Fällt auf jeden Schwindel stets herein.

Ganz altaktuell, frech und möglichst dumm,
Breit und kitschig muss die Sache sein,
Denn das Publikum, das große Publikum
Fällt auf jeden Schwindel glatt herein.

Von dem Drum und Dran und von dem Dran und Drum
Will es gar nicht unterrichtet sein.
Denn das Publikum, das große Publikum
Fällt auf jeden Schwindel gern herein.

Applaudiert ihr jetzt mir? Und wenn ja, warum?
O ich prüfe Euch an diesem Stein!
Denn das Publikum, das große Publikum
Will durchaus, durchaus beschwindelt sein.

Post to Twitter Tweet This Post

Tags:

Posted by Nina - 24/11/09 - 0 comments

 

tucholsky-kleinPassend zur gerade bekannt gewordenen Insolvenz des US-Finanzierers CIT eines meiner persönlichen Lieblingsgedichte von Kurt Tucholsky.

Es ist doch immer wieder faszinierend, wie Menschen niemals aus ihren Fehlern lernen! Das Gedicht ist von 1931 und erscheint uns so aktuell als wäre es gestern verfasst worden.

Jaja, da haben sie alle groß aufgeschrien als vor gut einem Jahr Lehman Brothers Pleite ging. Von einem neuen Ruck war die Rede, von einem Umdenken. Ja klar! Dieses Umdenken haben wir sehen können. Das einzige Umdenken, das stattgefunden hat, besteht aus einer neuen Umverteilung des Geldes, aus neuen Geschäftemachereien, aus neuen Plänen, die unsere so hoch gelobte Gesellschaft näher an den Abgrund heran bringen. Hauptsache der Status Quo wird erhalten!

Die Pleite von CIT war lange vorauszusehen und so hatten die entsprechenden Leute natürlich Zeit für den Ernstfall vorzusorgen. Sogenannte Zwischenfinanzierer, unter ihnen natürlich auch Goldman Sachs (!), wurden gefunden, schön alles verteilt und laut Experten ist alles bis zum Ende des Jahres wieder gut.

Nur die Alt-Aktionäre und die Steuerzahler haben nichts davon. Die dürfen weiter blechen und das nun auch auf Pump. Aber die Finanzkrise ist ja so gut wie überstanden… ;-)

Kurt Tucholsky
Eine Frage

Da stehn die Werkmeister – Mann für Mann.
Der Direktor spricht und sieht sie an:
” Was heißt hier Gewerkschaft!
Was heißt hier Beschwerden!
Es muß viel mehr gearbeitet werden!
Produktionssteigerung! Daß die Räder sich drehn!”
Eine einzige kleine Frage:
Für wen?

Ihr sagt: Die Maschinen müssen laufen.
Wer soll sich eure Ware denn kaufen?
Eure Angestellten? Denen habt ihr bis jetzt
das Gehalt wo ihr konntet heruntergesetzt.
Und die Waren sind im Süden und Norden
deshalb auch nicht billiger geworden
Und immer sollen die Räder sich drehn…
Für wen?

Für wen die Plakate und die Reklamen?
Für wen die Autos und Bilderrahmen?
Für wen die Krawatten? Die gläsernen Schalen?
Eure Arbeiter können das nicht bezahlen.
Etwa die der andern? Für solche Fälle
habt ihr doch eure Trusts und Kartelle!
Ihr sagt: Die Wirtschaft müsse bestehn.
Eine schöne Wirtschaft!
Für wen? Für wen?

Das laufende Band das sich weiterschiebt
liefert Waren für Kunden die es nicht gibt.
Ihr habt durch Entlassung und Lohnabzug sacht
eure eigene Kundschaft kaputt gemacht.
Denn Deutschland besteht – Millionäre sind selten -
aus Arbeitern und Angestellten!
Und eure Bilanz zeigt mit einem Male
einen Saldo mortale.

Während Millionen stempeln gehn.
Die wissen für wen.

Post to Twitter Tweet This Post

Tags:

Posted by Nina - 02/11/09 - 2 comments

 

Wie wahr…

Erich Kästner
Die Entwicklung der Menschheit

Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt,
behaart und mit böser Visage.
Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt
und die Welt asphaltiert und aufgestockt,
bis zur dreißigsten Etage.

Da saßen sie nun, den Flöhen entflohn,
in zentralgeheizten Räumen.
Da sitzen sie nun am Telefon.
Und es herrscht noch genau derselbe Ton
wie seinerzeit auf den Bäumen.

Sie hören weit. Sie sehen fern.
Sie sind mit dem Weltall in Fühlung.
Sie putzen die Zähne. Sie atmen modern.
Die Erde ist ein gebildeter Stern
mit sehr viel Wasserspülung.

Sie schießen die Briefschaften durch ein Rohr.
Sie jagen und züchten Mikroben.
Sie versehn die Natur mir allem Komfort.
Sie fliegen steil in den Himmel empor
und bleiben zwei Wochen oben.

Was ihre Verdauung übrigläßt,
das verarbeiten sie zu Watte.
Sie spalten Atome. Sie heilen Inzest.
Und sie stellen durch Stiluntersuchungen fest,
daß Cäsar Plattfüße hatte.

So haben sie mit dem Kopf und dem Mund
den Fortschritt der Menschheit geschaffen.
Doch davon mal abgesehen und
bei Lichte betrachtet sind sie im Grund
noch immer die alten Affen.

Post to Twitter Tweet This Post

Tags:

Posted by Nina - 16/10/09 - 0 comments

 

Auf unserem kleinen, feinen Blog wollen wir euch nicht nur in die Welt der Satire und des politischen Kabaretts von heute mitnehmen, sondern auch einen Blick zurückwerfen. Dabei wird man feststellen, dass sich in vielen Dingen nur wenig geändert hat und die meisten Themen damals wie heute (traurigerweise) genauso aktuell sind.

Den Anfang macht Erich Mühsam (einer meiner Lieblingsdichter) mit seinem zeitlosen Gedicht “Der Revoluzzer”. Und unbedingt das werte Augenmerk auf die Widmung legen! Wohl gemerkt, das Gedicht ist von 1907! ;-)

Erich Mühsam: Der Revoluzzer
Der deutschen Sozialdemokratie gewidmet

Karikatur von Erich Mühsam © erich-mühsam-gesellschaftWar einmal ein Revoluzzer,
Im Zivilstand Lampenputzer;
Ging im Revoluzzerschritt
Mit den Revoluzzern mit.

Und er schrie: ‘Ich revolüzze!’
Und die Revoluzzermütze
Schob er auf das linke Ohr,
Kam sich höchst gefährlich vor.

Doch die Revoluzzer schritten
Mitten in der Straßen Mitten,
Wo er sonst unverdrutzt
Alle Gaslaternen putzt.

Sie vom Boden zu entfernen,
Rupft man die Gaslaternen
Aus dem Straßenpflaster aus,
Zwecks des Barrikadenbaus.

Aber unser Revoluzzer Schrie:
‘Ich bin der Lampenputzer
Diesen guten Leuchtelichts.
Bitte, bitte, tut ihm nichts!

Wenn wir ihn’ das Licht ausdrehen,
Kann kein Bürger nichts mehr sehen,
Laßt die Lampen stehen, ich bitt!
Denn sonst spiel ich nicht mehr mit!’

Doch die Revoluzzer lachten,
Und die Gaslaternen krachten,
Und der Lampenputzer schlich
Fort und weinte bitterlich.

Dann ist er zu Haus geblieben
Und hat dort ein Buch geschrieben:
Nämlich wie man revoluzzt
Und dabei noch Lampen putzt.

Post to Twitter Tweet This Post

Tags:

Posted by Nina - 15/09/09 - 0 comments